Donnerstag, 20. April 2017

Fehldiagnose "Borderline"

Heute habe ich in einem Blog gelesen, dass autistische Menschen gehäuft die Fehldiagnose "Borderline Persönlichkeitsstörung" erhalten. Bei dem Abschnitt musste ich stocken und die Zeilen mehrfach lesen, ehe die Worte sich endlich einen Weg in mein Bewusstsein bahnten. Bisher habe ich nicht bewusst wahrgenommen, dass es auch andere Menschen gibt, die vor der Diagnose Autismus die Diagnose Borderline erhielten. Bei mir war das tatsächlich der Fall.

Zur kurzen Übersicht meiner Diagnosen:
2002 (Selektiver Mutismus)
2004 (Borderline Persönlichkeitsstörung)
2010 (Asperger Syndrom)

So ein Aha-Erlebnis hatte ich schon einmal, als ich in einem Buch darüber las, dass der selektive Mutismus ein Symptom vom Autismus sein kann. Ausschlaggebend für die Diagnose Borderline waren für meine damalige Therapeutin die Symptome der Selbstverletzung, Dissoziationen und depressive Verstimmungen. Seltsam war schon damals für mich, dass meine Therapeutin sehrwohl Zweifel zu haben schien. Sie sagte in zwei zeitlich voneinander getrennten Sitzungen zu mir: "Vieles deutet auf Borderline hin, aber viele Begebenheiten sprechen auch dagegen". Nichtsdestotrotz war sie nicht abgeneigt, die Diagnose dann trotzdem schriftlich festzuhalten. Verstanden habe ich das damals nicht, denn ich konnte mich nie mit der Diagnose Borderline identifizieren.

Obwohl ich meine damalige Therapeutin mochte, erscheint mir die Therapie aus heutiger Sicht eher verquer. Ich weiß noch wie ich meiner Therapeutin von der Diagnose Mutismus erzählte, die ich in der Jugendpsychiatrie erhalten hatte. Meine Therapeutin verneinte diese Diagnose. Sie erzählte mir von einer anderen Patientin mit selektivem Mutismus, um mir zu zeigen, dass dieses Mädchen sich von mir unterschied. Damit erreichte sie aber nur das Gegenteil. Ihre Beschreibung von dem Mädchen passte auch perfekt auf mein Schweigen. Sie berichtete auch von dem Mädchen, dass diese sich nicht einmal äußern konnte, wenn sie dringend zur Toilette musste. Auch diese Situation passte auf mein Leben, denn in der Grundschule harrte ich oft bis zur Pause aus, um dann schnellstmöglich zur Schultoilette zu flitzen. Ich konnte mich einfach nicht melden und darum bitten, den Klassenraum verlassen zu dürfen. Es hätte Worte gebraucht, gesprochene Worte. Dazu war ich nicht in der Lage.

Damals habe ich viel über die Borderline Persönlichkeitsstörung gelesen. Ich besuchte sogar eine Selbsthilfegruppe mit Betroffenen, aber ich fand nur wenige Gemeinsamkeiten mit den Menschen in der Gruppe. Hier erfuhr ich auch schnell, dass Ärzte und Therapeuten bei "Selbstverletzendem Verhalten" gerne die Diagnose Borderline stellen. Aus meiner Sicht ist das fatal. Es gibt Menschen, die sich selbst verletzten und keine Persönlichkeitsstörung haben. Und es gibt im umgekehrten Fall auch Menschen mit der Persönlichkeitsstörung, bei denen keine Selbstverletzung vorliegt.

Als ich dann im Diagnoseverfahren bezüglich des Autismus steckte, erzählte ich auch von meinen bisherigen Diagnosen: Sozialphobie, Angststörung und Borderline Persönlichkeitsstörung. Ich berichtete, dass ich mich in den jeweiligen Selbsthilfegruppen aber nie wohl gefühlt hätte, weil ich mich zu sehr von den Menschen dort unterschied. An einem Tag nickte der Arzt dann und sagte, dass das kein Wunder sei. Er empfahl mir eine Selbsthilfegruppe mit Asperger Autisten. Ich hatte Zweifel, aber er erklärte, dass ich jetzt bei der richtigen Diagnose angekommen sei und mir der Kontakt zu anderen Betroffenen helfen könnte. Es versprach mir, dass ich überrascht sein würde. Tatsächlich besuchte ich die Selbsthilfegruppe auch einige Wochen lang und der Arzt hatte nicht zu viel versprochen; zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich "angekommen". Es gab in dieser 'großen weiten Welt' tatsächlich Menschen, die ähnliche Probleme hatten wie ich.

Es klingt vielleicht seltsam, aber diesen "Überraschungsmoment" habe ich nie überwunden. Wann immer bei Twitter jemand über seine Erfahrungen schreibt und ich mich wiedererkenne, überkommt mich so ein leichter "Schauer" und ich fühle mich tatsächlich für einen Augenblick weniger allein. Das Gleiche gilt natürlich auch für Bücher, Interviews und Artikel. Ich weiß längst, dass ich mit meinem "Verhalten" nicht alleine bin, aber trotzdem ist jeder Bericht "Balsam für meine Seele". Ich glaube das liegt einfach daran, dass ich mich mehr als zwei Jahrzehnte sehr einsam und außerirdisch gefühlt habe. Und ja; es hat mich heute tatsächlich beruhigt zu lesen, dass ich nicht allein bin mit der Erstdiagnose Borderline. Es beruhigt mich, aber zur gleichen Zeit erschreckt es mich auch.

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