Mittwoch, 26. April 2017

Wortmeldung in der Uni

Heute in der Uni habe ich einen kleinen Fortschritt gemacht, der mich jedoch viel Energie gekostet hat. Ich hatte eine Wortmeldung. Unser Professur stellte einige Fragen, zu denen ich allesamt eine Antwort hatte, die jedoch einer längeren Erklärung bedurft hätten. Zugegeben; heute hatten wir eines meiner Lieblingsthemen in der 'Vorlesung'. Richtige Vorlesungen haben wir jetzt im Master eigentlich nicht mehr; es sind mehr Diskussionsrunden mit längeren Erklärungen seitens der Dozenten. Ich komme aber vom Thema ab. Ich wollte die Fragen unbedingt beantworten, wusste aber, dass ich dermaßen lange Erklärungen nicht zustande bringen würde. Das ärgerte mich ungemein, weil halt ein für mich spannendes Thema behandelt wurde.

Dann kam der Moment. Der Professor stellte eine Frage, die eine einzige Antwort verlangte. Ich brauchte also nur ein einziges Wort. Als die Frage gestellt war, begannen meine Hände schon leicht zu zittern. Ich lauschte der Stille. Und wunderte mich, weshalb niemand eine Antwort gab. Ich lauschte und lauschte. Dann atmete ich einmal tief durch und gab die Antwort. Ich hörte meine Stimme wie durch Watte. Sie klang seltsam, fast etwas schwach. Im ersten Moment wusste ich nicht einmal, ob überhaupt jemand meine Antwort gehört hatte.

Dann nickte der Professur und für einen Augenblick schien es mir, als wüsste er selbst plötzlich auch nicht mit der Situation umzugehen. Ich mein, er weiß schließlich von meinem Nachteilsausgleich und er weiß auch, dass mir während der Vorlesung niemand Fragen stellen darf. Das gehört mit zu meinem Nachteilsausgleich. Ich darf natürlich trotzdem jederzeit Fragen stellen und Antworten geben, aber bisher habe ich davon keinen Gebrauch gemacht. In den Vorlesungen der letzten zwei Jahre war ich immer still, sagte kein Wort. Und jetzt hatte ich plötzlich in zwei nacheinanderfolgenden Vorlesungen gesprochen.

Ja, genau. Ich habe letzte Woche in der Vorlesung bereits etwas gesagt; wenn es auch keine Antwort zu einer Wissensfrage war. Als unser Profesor fragte, ob wir seine Beschreibung verstanden hatten, da meldete sich auch niemand, obwohl ich es aus allen Ecken tuscheln hörte. Ich nahm deswegen an, dass es meinen Kommilitonen wie mir erging: Mir waren seine Erklärungen zu schnell gewesen. Er sagte also: "Haben Sie noch Fragen? Wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist, dann melden Sie sich bitte. Ansonsten nehme ich an, dass sie den Stoff verstanden haben und gehe weiter". Auch dort habe ich zuerst auf die Stille gelauscht, ehe ich ohne Meldung einfach sagte: "Also mir persönlich war Ihre Erklärung zu schnell". Und dann wiederholte er den Stoff und ich verstand es plötzlich.

Heute schien er zunächst etwas irritiert. Meine Antwort war richtig und ich hätte sogar noch mehr sagen können, aber meine Hände zitterten und in meinem Kopf entstand das übliche Chaos. Ich konnte mich zehn Minuten nicht mehr richtig konzentrieren; und stellte nach der Vorlesung fest, dass ich in einem Overload steckte. Auf der Gassirunde genoss ich daher die Ruhe auf einer Parkbank, wickelte mir den Schal um die Nase und beobachtete das 'sich im Wind wiegende' Gras. Das beruhigte mich. Mir einen Schal, ein Tuch oder eine Wolldecke an die Nase zu legen, ist übrigens ein "Stimuli" von mir. Wenn ich durch den Stoff atme, hat das eine beruhigende und positive Auswirkung auf mich. Das war schon als Kind so, weswegen ich immer und überallhin meine kleine Kuscheldecke mitnehmen wollte.

Ich weiß; letzte Woche war es nur ein Satz, heute nur ein Wort. Aber das sind immerhin Fortschritte für mich. Mich sprachlich vor einer Gruppe zu äußern, kostet viel Energie, Überwindung und Mut.

Ehrlich gesagt überlege ich, ob ich mit dem Dozenten noch sprechen soll. Also 'unter vier Augen'. Ich glaube es könnte mir schon helfen, wenn er seine Fragen in der Vorlesung anders formuliert, beziehungsweise wenn er die Fragen ausformuliert. Ganz oft bin ich mir nämlich unsicher, ob ich seine Fragen richtig verstehe und gebe deswegen auch keine Wortmeldung. Erst bei den Antworten von Kommilitonen merke ich dann manchmal, auf welche Richtung er hinauswollte. Ich weiß allerdings nicht, ob das eine gute Idee ist?! Also mir würde es schon oft helfen, wenn er die Fragen etwas..."barrierefreier" gestalten würde. Ähnlich wie in schriftlichen Klausuren, wo sie vorher auch noch etwas ausformuliert werden.

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