Sonntag, 30. April 2017

Arbeitslosigkeit und Ausbildungssuche

Es ist genau so heikel für mich wie das Thema "Mobbing". Als Jugendliche, beziehungsweise junge Erwachsene, habe ich eine längere Zeit der Arbeitslosigkeit erlebt. Nach meiner zehnjährigen Schulzeit wechselte ich in eine Abiturklasse, in der ich gerade mal drei Schultage verbrachte. Der soziale Druck war groß und so entschied ich, dass ich die Angelegenheit abbrechen würde. Arbeitslos wurde ich daraufhin nur indirekt; da ich erst sechszehn Jahre alt und somit schulpflichtig war, wechselte ich in eine Klasse für "Jugendliche ohne Ausbildungsplatz". Der Unterricht hier fand nur einmal in der Woche statt; er bestand aus zusammengewürfelten Fächern. Meine damalige Therapeutin schrieb mich die Hälfte der Zeit krank, weil ich dem sozialen Druck nach wie vor nicht gewachsen war und mich sehr unwohl fühlte in dieser Klasse. Insgesamt war ich zwei Jahre dort, völlig orientierungslos und voller Ängste.

Nach den zwei Jahren verbrachte ich ein Jahr im Berufsgrundschuljahr für "Wirtschaft und Verwaltung". Ich wollte anschließend gerne wieder in die Abiturklasse wechseln, dieser Zugang wurde mir allerdings verwährt. Grund dafür war mein Schweigen und die Befürchtung, dass ich das Abitur aufgrund meiner Introversion nicht erreichen würde.

Also folgte erneut die Arbeitslosigkeit. Nun war ich allerdings nicht mehr schulpflichtig, weswegen ich zur "Agentur für Arbeit" ging. Damals war ich immer noch ohne autistische Diagnose. Mir wurde trotzdem prognostiziert, dass ich aufgrund meiner Problematik wohl niemals eine Ausbildung machen könnte. Ich sollte vielmehr darüber nachdenken, ob eine Werkstatt für Behinderte ein guter Weg für mich sei. Ich verzichtete auf die Hilfe der Agentur und hatte das Glück, dass zumindest meine Eltern mich unterstützten. Sie ließen mir 'alle Zeit der Welt'. Ich kümmerte mich fortan um den Haushalt meiner Eltern.

Insgesamt war ich drei weitere Jahre arbeitslos; und drei Jahre lang ließen meine Eltern mich gewähren. Irgendwann gab ich den Traum vom Abitur und einem Studium auf; ich begab mich auf die Suche nach einer Ausbildungsstelle. Und das war linde ausgedrückt eine furchtbare Zeit. Nachdem ich mich entschlossen hatte, mir aktiv eine Ausbildung zu suchen, schrieb ich unzählige Bewerbungen. Und ich bekam unzählige Absagen, was wohl auch an meinem Lebenslauf lag. Doch was viel nervenaufreibender war, waren die Vorstellungsgespräche, Eignungstests, Probearbeitstage und Praktika. Sie ließen mich immer wieder und wieder an mir zweifeln. Ich möchte gerne von meinen Erfahrungen berichten und davon, wie ich am Ende doch noch eine Stelle für mich fand.

Fachangestellte für Medien und Informationsdienste
Ich wollte ja unbedingt zur Uni; und hatte dann ausgerechnet dort auch meinen ersten Eignungstest. Allerdings für eine Ausbildung in der Bibliothek. Scheinbar lief der Eignungstest auch ganz gut, denn ich wurde anschließend noch zu einem Vorstellungsgespräch eingeaden. Damals immer noch ohne Diagnose, aber sehrwohl wissend, dass ich Probleme im kommunikativen Bereich habe. Ich versuchte mich innerlich auf das Vorstellungsgespräch vorzubereiten, aber vor Ort wurde ich dann doch hoffnungslos überrascht. Es fand nicht wie erwartet mit einer Person statt, sondern mit drei Angestellten der Bibliothek. Das hatte ich nicht erwartet. Am Anfang des Gesprächs wurde ich gefragt, ob ich ein Glas Wasser wolle und ich bejahte die Frage. Schließlich hatte ich im Internet gelesen, dass es die Atmosphäre auflockern würde. Anschließend wurden mir zahlreiche Fragen gestellt und ich versuchte so gut wie möglich zu antworten, wobei mich die Anwesenheit der drei Personen stresste. Ich gab kurze, knappe Antworten, manchmal verfiel ich in mein Schweigen. Das Glas Wasser hatte ich am Ende nicht ein einziges Mal angerührt. Es wunderte mich nicht, als einige Tage später bereits die Absage kam.

Hotelfachfrau (1)
Hier hatte ich zunächst ein Vorstellungsgespräch in einem kleinen Hotel. Wieder erwartete ich ein Vorstellungsgespräch 'unter vier Augen', aber am Ende kam es anders. Das Gespräch fand mit der Chefin und zwei weiteren Bewerbern statt. Das war für mich ein richtiger Schock. Zunächst stellte sich jeder vor, danach fand ein offenes Gespräch statt. Das hieß, dass es verschiedene Themen gab und jeder Bewerber sich selbstständig einbringen sollte. Nach der Vorstellungsrunde sagte ich somit tatsächlich kein einziges Wort mehr. Ich schwieg und lauschte den Worten der anderen zwei Bewerber. Sie waren wirklich gut in ihrer Sache. Sie wussten, wie 'sie sich zu verkaufen' hatten. Und sie wussten vor allem, wann sie an der Reihe waren. Ich staunte und verstand das System nicht. Zudem konnte ich mich nicht sprachlich vor anderen Bewerbern äußern. Am Abend rief die Chefin mich an, weil sie der Meinung war, dass sie ihre Absage noch erklären musste. Sie verstand nicht, weshalb ich kein einziges Wort gesagt hätte und riet mir, mich vom Hotelfachgewerbe fern zu halten.

Fotografin
Es freute mich sehr, als ich zum Vorstellungsgespräch im Fotoladen eingeladen wurde. Fotografie war neben der Literatur schon immer eines meiner liebsten Hobbys. Ich hatte die Bewerbung mit meinen Fotografien in der Leiste bestückt; und zum Vorstellungsgespräch brachte ich eine Fotomappe mit. Dem Chef gefielen meine Fotografien, aber dann brachte er Kritik an: "Sie fotografieren nicht gerne Menschen, oder? Sie wissen hoffentlich, dass wir hier im Laden nur wenig Tiere und keine Landschaften fotografieren". Upps! Ich suchte Ausflüchte. Dann sollte ich einen Tag lang zur Probe im Geschäft arbeiten.

Ich war total nervös! Dabei war am Anfang alles ganz locker, weil ich den Angestellten und Auszubildenden einfach nur zuschauen durfte. Ab und zu sollte ich kleine Erledigungen ausführen, aber ansonsten verbrachte ich den Vormittag in einer 'passiven Rolle'. Nach der Mittagspause hieß es dann allerdings, dass ich unten an die Theke gehen sollte. Ich durfte also zum Kundenkontakt. Zunächst sprach der Chef mit einem Kunden. Als dann die Kundendaten aufgenommen werden sollten, kam ich an die Reihe. Der Kunde sagte mir seinen Namen und ich notierte ihn. Danach folgte die Adresse mit Postleitzahl. Insgesamt viermal sagte der Kunde mir die Postleitzahl, aber in stressigen Situationen verdrehe ich Zahlen und es endete somit in einer Katastrophe. Ich wurde sofort nach oben geschickt, wo ich den restlichen Tag drei Auszubildenden bei der Arbeit mit Photoshop beobachten durfte. Ich saß einfach nur da und wusste nicht, was nun von mir verlangt wurde. Somit saß ich die Zeit ab und war abends daheim enttäuscht und am Ende meiner Kräfte. Natürlich folgte erneut eine Absage.

Hotelfachfrau (2)
Das nächste Vorstellungsgespräch folgte in einem größeren Hotel. Es war das erste Gespräch, dass tatsächlich nur zwischem dem Chef und mir stattfand. Keine anderen Leute. Anschließend wurde ich zum einwöchigen Praktikum eingeladen. Die ersten drei Tage verbrachte ich hier im Housekeeping. Das war ehrlich gesagt ein toller Bereich. Ich hatte hier nur eine einzige Kollegin, die mich von der Art und Weise her an meine Großmutter erinnerte. Sie war freundlich, akzeptierte meine schweigsame Art und zeigte mir sämtliche Aufgaben bis ins kleinste Detail. Das war eine große Erleichterung. Ich mochte die Aufgaben. Hauptsächlich musste ich die Minibars kontrollieren und auffüllen. Das war nicht schwer, zumal die meisten Hotelgäste mittags unterwegs waren und ich somit wenig mit Kommunikation konfrontiert wurde.

Nach den drei Tagen im Housekeeping wurde ich allerdings in den Service geschickt; also in das Restaurant des Hotels. Gleich am Morgen schickte mich jemand raus zu den Hotelgästen, die gerade ihr Frühstück verspeisten. Ein Mitarbeiter sagte mir: "Geh und räum die Teller von den Tischen. Frag die Gäste, ob sie noch Kaffee wollen und verrechne den Kaffee, der kostet nämlich Geld". Ich stand dort auf einmal mitten im Restaurant, konnte mich nicht von der Stelle bewegen und verstand nicht, was hier meine Aufgaben waren. Die Leute frühstückten noch, also konnte ich keine Teller von den Tischen räumen. Ich hatte auch keine Ahnung, woher ich Kaffee bekommen geschweige denn wie ich ihn verrechnen sollte.

Irgendwann fand mich ein weiterer Mitarbeiter bewegungsunfähig im Weg herumstehen. Er zeigte mir, wo ich den Kaffee finden konnte und meinte: "Geh einfach zu den Gästen und räum die Sachen weg, die sie nicht mehr brauchen". Wie ich den Kaffee verrechnen sollte, zeigte mir allerdings niemand. Glück für die Gäste, denn so schenkte ich den halben Tag kostenlosen Kaffee aus. Mir war immer noch unklar, wie ich Geschirr von Gästen wegräumen sollte, die augenscheinlich immer noch mit ihrem Frühstück beschäftigt waren. Ich lief langsam durch das Restaurant. Hätte ich gewusst, wie ich alleine in den Keller gelangen konnte, hätte ich dort meine Sachen geholt und wäre geflohen. Allerdings erinnerte ich mich nicht mehr an den Weg.

Scheinbar wurde irgendwem klar, dass ich im Restaurant vollkommen deplatziert war; ich verbrachte die restliche Zeit im Service dann in der Küche und spülte Gläser. Ich hörte die Auszubildenden über mich reden und ihr Lachen, aber ich versuchte mich auf das Spülen zu konzentrieren und die restliche Zeit irgendwie zu überleben. Mir war klar, dass ich die Ausbildungsstelle niemals bekommen würde und sich alle über mich lustig machten, aber mir war nicht klar, wie ich in den Keller gelangen und abhauen könnte. Also stand ich die Situation durch. Die damalige Pein werde ich allerdings nie vergessen.

Floristin
Mein Vorstellungsgespräch im Blumenladen fand wieder mit zwei Personen statt; einmal war der Chef dabei und dann die Filialleiterin. Der Chef stellte mir zahlreiche Fragen, ehe er plötzlich einen Anruf bekam und vor dem Laden telefonierte. Auch die Filialleiterin verließ den Raum, stellte sich aber bloß zu ihrer Kollegin in den Laden und sagte: "Ohje, wenn DIE unsere neue Auszubildende wird. Prostmahlzeit!" Die Kollegin fragte genauer nach und bekam eine Antwort von der Filialleiterin: "Komisches Mädel halt! Hahahahaha!" Ich saß im Nebenraum und hörte ihre Lästereien. Es tat weh, dass ich schon wieder ausgelacht wurde und ich verstand nicht, weshalb ich mich von den anderen Menschen scheinbar so sehr unterschied. Als der Chef zurück kam boten mir beide einen Probearbeitstag an. Ich machte 'gute Miene zum bösen Spiel'. Also ich stimmte dem Probearbeiten zu, tauchte dann aber nie wieder in dem Laden auf; ich spürte sofort, dass ich mit der Filialleiterin nur weiteren Ärger haben würde. 

Einzelhandelsfachfrau
Es folgte ein Vorstellungsgespräch im Gartencenter als Einzelhandelsfachfrau. Das Gespräch führte der Chef mit mir alleine, womit ich bisher die besseren Erfahrungen gemacht hatte. Auch hier sollte ich zur Probe arbeiten. In der Floristikabteilung erledigte ich Aufgaben im Hintergrund und auch im Lager hatte ich keine Probleme. Am Nachmittag nahm mich eine Mitarbeiterin dann allerdings mit in den Laden. Hier sortierten wir Übertöpfe in die Regale.

Keine schwierige Aufgabe, aber mitten in ihrer Erklärung wurden wir von Kunden unterbrochen. Die Mitarbeiterin sagte dann wortwörtlich zu mir: "Oh, da sind Kunden. Bitte entschuldige mich und warte hier, Sarinijha!" Ich blieb also an Ort und Stelle stehen und wartete, wie die Mitarbeiterin es mir gesagt hatte. Während sie ein Stück weit entfernt mit den Kunden sprach, blickte ich immer wieder in ihre Richtung. Ich wartete und wartete; es vergingen zehn Minuten und ich wurde langsam nervös. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Dann kam die Mitarbeiterin zurück und sagte: "Sarinijha, bitte folge mir".

Es wunderte mich, weil wir die Aufgabe mit den Töpfen noch nicht erledigt hatten. Dennoch folgte ich ihr und stellte die Anweisung nicht infrage. Wir kamen dann beim Gemeinschaftsraum an und ich wunderte mich noch mehr, denn ich hatte doch vor einer Stunde bereits eine Pause gemacht. Die Mitarbeiterin sah mich an und meinte: "Du kannst jetzt nach Hause gehen!" Weg war sie, ohne jegliche Erklärung. Ich stand da und wusste nicht, welchen Fehler ich begangen hatte. Sie hatte mir gesagt ich solle warten, ich hatte gewartet. Erst Jahre später verstand ich, dass das ein Test war und die Mitarbeiterin etwas anderes erwartet hatte. Ich sollte nicht warten, sondern eigenständig die Töpfe weiter in die Regale sortieren. Doch ich hatte sie beim Wort genommen.

Und dann?
Dann hatte ich eines Tages ein Vorstellungsgespräch in einer Produktionsgärtnerei. Das Gespräch verlief anders als all meine bisherigen Gespräche. Es war nämlich weniger ein Gespräch, als vielmehr ein Rundgang durch den Betrieb. Der Chef zeigte mir sämtliche Gewächshäuser und erklärte mir, welche Aufgaben anfielen. Er gab mir noch einen kurzen Test, den ich an Ort und Stelle sofort ausfüllte. Er war zufrieden mit dem Ergebnis. Auch hier sollte ich wieder ein Praktikum machen. Einmal bei ihm im Betrieb und einmal im Nachbarbetrieb. Ich war nervös und voller Sorge. Es kam jedoch komplett anders als erwartet.

Beide Betriebe waren komplett auf die Produktion ausgelegt, also keinerlei Kundenkontakt. Ich hatte immer mindestens einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin an meiner Seite. Mir wurden die Aufgaben bis ins kleinste Detail erklärt; anschließend führte ich sie mit dem jeweiligen Mitarbeiter aus. Niemand verlangte kommunikativ zu sein; es wurde nur erwartet, dass ich die Aufgaben sorgfältig erledige. Und das tat ich. Am Ende bekam ich die Ausbildungsstelle; aber das ist wieder eine andere lange Geschichte. Die Ausbildung führte mich am Ende auf jeden Fall noch zum Abitur und zum anschließenden Studium; und mittlerweile habe ich den Bachelor abgeschlossen und befinde mich im Master. Ich bin in einem wissenschaftlichen Bereich mit Marktforschung als Schwerpunkt meines Studiums.

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