Montag, 24. April 2017

Begrüßungen und Floskeln

Begrüßungen, Floskeln und das Ignorieren von Fragen. Das ist ein Thema, welches mir jetzt schon seit einigen Tagen im Kopf schwirrt. Grund dafür ist ein Beitrag auf Twitter. Dort wurde gefragt, weshalb manche Autisten nicht auf Fragen oder eine direkte Ansprache antworten, beziehungsweise keine Begrüßungen aussprechen. Ich habe mich davon angesprochen gefühlt, weil ich bis zum heutigen Tage immer noch Schwierigkeiten in dieser Richtung habe. Es war dann aber gar nicht so einfach, eine logische Erklärung für dieses Verhalten zu finden.

Tatsache ist zunächst einmal, dass ich vor allem als Kind damit entscheidende Probleme hatte. Ich erinnere mich noch gut an einen Vorfall aus dem Kinderhort, als ich neun oder zehn Jahre alt war. Es war ein sonniger Tag, weshalb ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Nach der Schule machte ich mich auf den Weg zum Kindergarten. Dort gab es eine seperate Eingangstür für uns Hortkinder. Diese Eingangstür ließ sich von außen jedoch nicht öffnen, weshalb es eine Klingel gab. Meist kam dann eine Erzieherin, um die Türe zu öffnen, manchmal war aber auch eines der Kinder schneller.

An diesem Tag kam "Vici" zur Eingangstüre. Vici war eine Erzieherin, die mir fast täglich die Türe öffnete und mich begrüßte: "Guten Tag, Sarinijha". Einige Wochen akzeptierte sie mein Schweigen, bis zu diesem ganz bestimmten Tag. Ich schloss mein Fahrrad vor dem Hort ab, begab mich zur Tür und klingelte wie an jedem anderen Tag. Vici öffnete, begrüßte mich und versperrte mir dann den Weg mit den Worten: "Guten Tag, Sarinijha". Ich wollte an Vici vorbei, aber sie blieb im Weg stehen und wartete: "Sarinijha, ich möchte das Du mich ebenfalls begrüßt". Es gab keinen Weg an Vici vorbei. Mir kam dann allerdings eine Idee.

Ich drehte mich herum und rannte zum Haupteingang des Kindergartens. Als ich dort ankam, stand Vici allerdings bereits vor der Tür. Sie schüttelte den Kopf und sagte: "Sarinijha, bitte wünsche mir einfach einen guten Tag". Mit ihren Worten klang es wirklich einfach, aber aus meinem Mund kam weiterhin kein Gruß. Voller Verzweiflung ging ich zurück zu meinem Fahrrad und überlegte, wie ich mit der Situation umgehen könnte und was ich jetzt machen sollte. Ich wusste nur, dass Vici mich ohne Begrüßung nicht in den Hort ließ und ich zur gleichen Zeit aber keine Begrüßung aussprechen konnte. Folglich schloss ich mein Fahrrad wieder auf und fuhr nach Hause.

Es war zwar nicht weit vom Hort bis zu unserer damaligen Wohnung, aber ich hatte nicht bedacht, dass meine Mutter nicht zuhause war und ich auch hier vor einer verschlossenen Tür stehen würde. Ich setzte mich also auf die Treppe vor unserem Haus. Noch immer verstand ich nicht, weshalb Vici mich nicht in den Hort gelassen hatte. Ich verstand es einfach NICHT. Natürlich hatte ich begriffen, dass sie eine Begrüßung von mir haben wollte, aber ich verstand nicht, weshalb sie so viel Wert darauf legte. Es waren doch nur Worte. Worte, die aus meiner Sicht auch noch vollkommen unnötig waren. Diese Worte zu sagen waren eine zu große Hürde für mich; wie Energieverschwendung. Da ich Vici übrigens im letzten Jahr wiedergesehen habe, weiß ich, dass sie mich damals einfach für sturr hielt; wir haben über die Situation damals gesprochen und ich habe ihr erklärt was wirklich los war.

Noch schlimmer fand ich es nur, wenn fremde Menschen zu uns nach Hause kamen. Ich erinnere mich nicht, dass ich als Kind jemals einen Besucher begrüßt hätte. Ganz im Gegenteil. Sobald es an der Tür klingelte, verschwand ich auf dem schnellsten Weg in mein Zimmer. Hier lauschte ich dann an der Tür, ob der Besuch mir bekannt oder fremd war. War die Person bekannt, öffnete ich meine Tür und verließ mein Zimmer; allerdings ohne Begrüßung meinerseits. War die Person jedoch unbekannt, dann blieb ich in meinem Zimmer und hoffte, dass der Besuch nicht zu lange bei uns sein würde. Besucher waren für mich Eindringlinge in meinem sichersten Bereich. Meine Mutter erzählte dem Besuch stets, dass ich schüchtern sei und ich muss gestehen, dass das Wort zu meinem Hasswort wurde. Manchmal baute ich mir übrigens Höhlen in meinem Zimmer, so dass ich mich innerhalb meines Versteckes noch einmal verstecken konnte. Das gab mir mehr Sicherheit.

Meine erste 'erlernte' Floskel war "Danke". Das ist übrigens auch die einzige Floskel, die ich bis zum heutigen Tag noch am Besten von mir geben kann. Alles andere sprach ich als Kind kaum oder vielleicht sogar nicht aus. Also "Guten Tag", "Guten Abend" und "Gute Nacht" waren für mich ausgeschlossen, während ein "Hallo" vielleicht noch in Ordnung ging. Wobei ich damit nicht sagen möchte, dass ich einfach unfreundlich war und es nicht sagen wollte. Ich KONNTE nicht. Theoretisch natürlich schon, praktisch war das aber nicht der Fall. Vielleicht auch wegen des vorhandenen selektiven Mutismus.

Manchmal lag es aber auch einfach daran, dass ich die Worte der anderen Menschen nicht einmal mitbekommen habe. Ich weiß noch, wie im Hort einmal ein Mädchen zu mir kam und sagte: "Sarinijha, was war am Samstag mit dir los? Ich hab dich gesehen und nach dir gerufen, aber du hast gar nicht auf mich reagiert!" Ich konnte mich nicht erinnern, sie an dem Samstag gesehen oder gehört zu haben. Wenn meine Aufmerksamkeit auf irgendetwas Spannendes gerichtet war, ließ ich mich von keinem Menschen ablenken. Ich schätze das ist es, was einige in dem Beitrag bei Twitter als Hyperfokus bezeichnen.

Doch nicht immer war und ist so, dass mich eine interessante Sache ablenkt. Noch heute ist es leider der Fall, dass ich nur wenige Menschen begrüßen kann. Oft raubt mir solch eine Begrüßung einfach zu viel Energie, gerade bei fremden Menschen. Ich schätze, dass zum großen Teil einfach immer noch der selektive Mutismus hier 'an der Macht' ist. Ich weiß zwar, dass die Höflichkeit etwas anderes gebietet, aber bei fremden Menschen kostet mich die 'Überwindung' zu viel Kraft. Wenn das der Fall ist, versuche ich manchmal wenigstens zu lächeln oder mit dem Kopf zu nicken; doch auch diese Bewegungen sind oft noch zu kräfteraubend.

Das Gleiche gilt auch für diese ganzen Phrasen zu Feiertagen, also "Herzlichen Glückwunsch", "Frohe Weihnachten" und "Frohes neues Jahr" beispielsweise. Zu Weihnachten kam es daher auch vor, dass mir meine Eltern ein 'Frohes Weihnachten' auf mein Handy schickten und ich ihnen mit einem Bild antwortete. Was seltsamerweise funktioniert, während es mir in den meisten Fällen nach wie vor nicht über die Lippen kommt.

Auch auf Fragen gebe ich nicht immer eine Antwort, was manche Menschen auch sehr aufregen kann. Das ist meist aber keine böse Absicht. Entweder ich höre die Frage nicht oder manchmal höre ich die Frage auch, aber hab nicht sofort eine Antwort parat. Ich könnte natürlich einfach sagen: "Entschuldige, da hab ich grad keine Antwort. Ich muss darüber nochmal nachdenken!" Aber oft bin ich dann so in Gedanken, dass ich diese einfache Antwort auch schon mal vergesse.

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