Samstag, 22. April 2017

Essensgewohnheiten

Mir ist heute wieder extrem aufgefallen, dass ich beim Thema Essen schon immer meine Regeln hatte und diese Regeln sich teilweise noch bis zum heutigen Tag nicht geändert haben. Als Kind war ich eine "schwierige Esserin", so zumindest drückten die Erwachsenen es damals aus. Essen an sich war früher schon eine lästige Angelegenheit für mich, der ich am liebsten aus dem Weg gegangen wäre. Viele Lebensmittel wollte ich nicht essen und zwar aus den verschiedensten Gründen. Ich mochte ihren Geschmack nicht, ihre Konsistenz oder aber sie waren zu einem bunten Haufen gemischt.

Es war für mich an der Tagesordnung, dass ich die Lebensmittel auf meinem Teller nacheinander gegessen habe. Gab es zum Beispiel ein Reisgericht mit Karotten, Erbsen und Hühnchenfleisch, so wurde das Gericht von mir nicht gemischt gegessen, sondern jede Zutat für sich. Und auch dort gab es keine Mischung, sondern eine Zutat wurde erst einmal komplett aus dem Gericht weggegessen, ehe die nächste Zutat folgte. Im Falle des Reisgerichts sah das dann so aus, dass ich erst die Karotten aß, dann die Erbsen, anschließend den Reis und zum Schluss das Hühnchenfleisch. Diese Auswahl traf ich nicht wahllos, sondern nach meinem ganz persönlichen Geschmack. Die für mich am wenigsten leckere Zutat wurde zuerst gegessen, hier also die Karotten, und die für mich leckerste Zutat zum Schluss, in diesem Fall das Hähnchenfleisch.

Es gab Erwachsene, die mein Verhalten vor allem deswegen seltsam fanden, weil sie die Reihenfolge nicht verstanden. Bleibe ich bei dem oben genannten Reisgericht, so fragten mich zum Beispiel die Erzieher aus dem Kinderhort: "Sarinijha, magst Du das Hähnchenfleisch nicht?" Und ich antwortete: "Doch, ich esse das Hähnchenfleisch am liebsten". Daraufhin antworteten sie: "Ich würde das anders machen. Die leckerste Zutat würde ich zuerst essen, denn wenn du keinen Hunger mehr hast, bleibt die weniger leckere Zutat auf dem Teller liegen". Wenn ich jedoch alles aufessen wollte, ergab diese Methode keinen Sinn. Ich aß das weniger leckere schließlich zuerst, damit ich mich am Ende auf das Leckerste freuen konnte. Quasi nach dem Motto: Das Beste kommt zum Schluss.

Lebensmittel, die ich nicht mochte, durfte ich im Normalfall sowieso nicht essen. Wurde ich zum Essen gezwungen, musste ich mich oft wenige Stunden später bereits übergeben. So gab es im Kinderhort einmal Blattsalat. Blattsalat aß ich an sich gerne, aber ich reagiere allergisch auf das Chlorophyll im ungekochten Zustand. Eine Erzieherin aus dem Hort zwang mich den Salat dennoch zu essen, so dass meine Mutter abends dann zuhause 'die Bescherung' hatte. Doch nicht nur mit Salat ging es mir so, sondern mit allen Lebensmittel, die ein Erwachsener mir aufzwang. Magenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen waren daher häufige Symptome in meiner Kindheit.

Als Kleinkind scheiterte schon mein leiblicher Vater an meinem Essverhalten. Dieser ließ mich nämlich gerne stundenlang am Tisch sitzen, mit den Worten: "Du darfst erst aufstehen, Sarinijha, wenn dein Teller leer gegessen ist". Ich weiß noch, wie ich dort Stunde um Stunde am Tisch saß und das Essen auf meinem Teller herumschob. Gegessen habe ich es nicht; wäre es nach mir gegangen, ich hätte eher zehn Tage am Stück dort gesessen als auch nur ein weiteres Stück zu essen.

Als Jugendliche aß ich dann nur noch, was ich auch wirklich essen wollte; meine Ernährung war damals vermutlich nicht gerade die Beste. Ich verabscheute noch etliche Jahre lang viele Gemüsesorten, weil ich sie als Kind zwanghaft essen musste. Zudem wurde Essen für mich zur Quelle der Sicherheit. Ich aß immer noch keine Unmengen, aber oft gab es bei mir tagtäglich die gleichen Mahlzeiten. So aß ich einmal ganze sechs Wochen am Stück jeden Mittag meine Spaghetti mit Tomatensauce. Diese Art der Routine war für mich eine Erleichterung.

Und ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich noch heute manchmal in dieses Verhalten zurückfalle. Vor allem in Klausurphasen oder zu anderen stressigen Zeiten, esse ich oft jeden Tag die gleichen Lebensmittel. Das ist keine Essstörung. Es liegt einfach daran, dass das Essen auf mich wie eine Reizüberflutung wirkt. Wenn ich jeden Tag das Gleiche esse, halte ich die Reize gering. In stressigen Zeiten wirken schon genug andere Reize auf mich ein, so dass ich diese Belastung nicht auch noch in meiner Ernährung ertragen kann. Gesund ist vermutlich anders, aber für mich wird das quasi zur Überlebensstrategie. Von Tag zu Tag die gleichen Lebensmittel zu essen gibt mir dann ein Gefühl von Sicherheit.

Das war schon in der Grundschule wichtig für mich. Der Klassenraum und Schulhof waren schon genug Reizüberflutung, so dass das Frühstück zumindest eine sichere Routine sein musste. Ich aß tagtäglich in jeder Pause mein Toastbrot mit Salami. Und ich weiß noch sehr genau, als meine Mutter einmal keine Salami hatte und ich in der Pause ein Toast mit Schokoaufstrich auspackte. Das war eine Katastrophe. Zumal sie mich auf diese 'Überraschung' nicht vorbereitet hatte. An diesem Schultag aß ich dann also gar nichts zum Frühstück, mein Tag war hinüber. Zuhause konnte meine Mutter nicht verstehen, dass ich das Toast nicht angerührt hatte.

Sie versteht auch heute noch nicht wirklich, dass es beim Essen einfach Regeln gibt. Wie als sie neulich den Zucker an den Spargel machte und ich aufgrund meines sowieso schon schlechten Zustands daraufhin eine halbe Stunde allein in meinem Zimmer sein musste. Für mich gehört an den Spargel kein Zucker. Deswegen bin ich was das Thema Essen betrifft lieber an meinem Studienort. Hier kann ich alles nach meinem Geschmack und Gedenken zubereiten.

Mittlerweile esse ich auch gerne Gemüse. Und ich schaffe es auch etwas Gemischtes zu essen, wobei ich nicht bestreiten möchte, dass das auf meinen Zustand und das Gericht ankommt. Macht meine Mutter beispielsweise Eintopf aus Stangenbohnen, Karotten und Kartoffeln, so neige ich noch immer zu meinen ursprünglichen Verhaltensweisen. Zuerst werden die Karotten gegessen, dann die Bohnen und zum Schluss die Kartoffeln. Und vor einigen Monaten sagte meine Mutter wieder: "Wenn du die Karotten so gerne isst, dann hol dir doch noch welche aus dem Topf". Wo ich dann erneut erklären musste, dass ich mir das Leckerste zum Schluss bewahre.

Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass ich mich erklären und rechtfertigen muss, obwohl doch letzt endlich jeder Mensch für sich selbst entscheiden muss. So war ich im letzten Jahr mit zwei ganz lieben Mädels in Hamburg, wo ich immer eine ganz bestimmte Gemüsetasche aus einem ganz bestimmten Laden essen wollte. Das gab mir in der fremden Umgebung einfach Sicherheit. Eine der beiden Mädels sagte dann aber: "Die Macht der Gewohnheit"; und ich fühlte mich von dieser Aussage erwischt und angegriffen. Und ich traute mich danach auch nicht mehr zu sagen, dass ich nur diese Gemüsetasche essen wollte und nichts anderes. Die beiden Mädels hätten das sicher akzeptiert und es wäre ja auch mein gutes Recht gewesen, aber so eine winzige (gar nicht böse gemeinte und unbedachte) Aussage verwirrte mich.

Bis zum heutigen Tag darf ich auch nichts essen, was nicht meinem Geschmack entspricht; denn noch immer hätte ich sofort mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen. Wenn ich also irgendwo zu Besuch bin und alles aufgegessen habe, bedeutet es in meinem Fall tatsächlich, dass mir das Essen geschmeckt hat.

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