Mittwoch, 19. April 2017

Gedanken zum Thema "Outing"

In den letzten Wochen denke ich immer häufiger über ein mögliches "Outing" nach, aber zu einer wirklichen Lösung bin ich bisher nicht gekommen. In mir befindet sich einfach dieser Zwiespalt. Einerseits denke ich, dass meine Diagnose nicht für jeden Menschen bestimmt ist. Letzt endlich werde ich auch kein anderer Mensch dadurch, dass die Leute über meinen Autismus bescheid wissen. Ein Outing erfordert auch Selbstbewusstsein, Mut und Kraft. Das habe ich schon erlebt, als ich mir vertrauten Menschen von der Diagnose erzählt habe.

Zuletzt habe ich einem Kommilitonen anvertraut, dass ich Autistin bin und habe mal wieder einen Standardsatz zu hören bekommen: "Respekt! Das sieht man dir gar nicht an!" Er meinte es ganz und gar nicht böse, aber dieser Satz vermittelt mir immer ein ganz seltsames Gefühl. So, als wäre der Autismus nur halb so schlimm und ich würde ein viel zu großes Drama darum machen. Ich möchte keine Aufmerksamkeit aufgrund meiner Behinderung, sondern einfach nur Verständnis. Manchmal noch nicht einmal Verständnis. Manchmal möchte ich einfach nur Aufklärungsarbeit leisten und den Menschen einen "Zugang" zu mir öffnen, also Vertrauen aufbauen und Ehrlichkeit zeigen. Ich möchte dann nicht das Gefühl haben, dass ich um Aufmerksamkeit ringe oder die Leute mit meinem 'Outing' nerve.

Auf der anderen Seite denke ich halt immer wieder, dass ein Outing auch positive Dinge bewirken kann. Wenn autistische Menschen sich outen, könnte das Thema Autismus 'sensibilisiert' werden. Außerdem sehe ich auch nicht ein, weshalb ich mich für den Autismus schämen oder mich verstecken sollte. Denn wie ich bereits schrieb: Ich bin durch ein Outing doch nicht plötzlich ein anderer Mensch. Schwierig ist es dennoch. Für mich vor allem deswegen, weil ich nicht gerade das beste Selbstbewusstsein habe und es verabscheue, wenn andere Menschen mich in Schubladen stecken oder plötzlich "falsche Rücksichtsnahme" verüben.

Ganz aktuell ist das Thema Outing für mich im Moment, weil ich jetzt im Mai gerne eine mündliche Prüfung in der Uni ablegen möchte. Ich habe noch immer einen Nachteilsausgleich und kann daher die mündlichen Prüfungen als schriftliche Klausuren ablegen, aber dennoch möchte ich es gerne mit einer mündlichen Prüfung versuchen. Natürlich habe ich mich auch schon gefragt, wieso ich mir "diesen Stress" eigentlich machen möchte. Es ist doch viel einfacher, wenn ich einfach wieder eine schriftliche Klausur ablege. Trotzdem habe ich derzeit diese innere Motivation. Es ist leichter alles nach den gewohnten Mustern zu machen, keine Frage. Gleichzeitig mag ich einfach probieren, ob mir eine mündliche Prüfung nicht doch möglich ist und vielleicht sogar den besseren Weg darstellt. Ich kann das wohl kaum beurteilen, ohne wenigstens den Versuch gestartet zu haben.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Ich weiß aus der Vergangenheit, dass ich bei mündlichen Prüfungen nicht gut funktioniere. Ein Grund ist mein vorhandener Mutismus. In schwierigen Situationen neige ich zur vollkommenen Verstummung. Es ist anderen Menschen dann nicht möglich, mich aus dem Schweigen zu befreien. In der Vergangenheit war oft sogar das Gegenteil der Fall. Je mehr andere Menschen versuchen mich aus dem Mutismus zu befreien, desto tiefer sinke ich in die Verstummung ab. Dann kann es passieren, dass mich die Situationen so sehr belastet, dass ich in einem Shutdown ende und nicht mal mehr in der Lage dazu bin, mich oder ein Körperteil zu bewegen. Und ich weiß, wie 'verstörend' ich dann auf andere Menschen wirke.

Während der mündlichen Prüfung werde ich den zwei Prüfern auch nicht in die Augen sehen können. Jeglicher Augenkontakt führt in solch einer Situation für mich zu Blackouts. Um mich auf die Prüfung und die Inhalte konzentrieren zu können, muss ich auf eine möglichst reizarme Oberfläche sehen. Selbst in schriftlichen Klausuren habe ich oft das Problem, dass jegliche Reize mich von der Prüfung ablenken. Ein runterfallender Stift, das Rascheln von Papier, ein vorbeifliegender Vogel, das Räuspern der Aufsichtsperson, ein hupendes Auto; um nur einige Beispiele zu nennen. In einer mündlichen Prüfung reagiere ich allerdings noch sensibler, weil die Situation an sich für mich einen höheren Stressfaktor ausmacht. Augenkontakt sorgt jedoch dafür, dass das Gelernte sich für den Moment aus einem Kopf radiert.

Schlussendlich denke ich dann noch über ein Outing nach, weil ich bei einer mündlichen Prüfung definitiv auch noch sogenanntes "Stimming" brauche. Diesen Punkt werde ich bei diesem Stresspegel sicherlich nicht vermeiden können. Bei schriftlichen Klausuren, bei Gesprächen und während der Vorlesungen kann ich es gut verstecken. Ich habe halt unauffällige Methoden, wie das Verdrehen meiner Finger, ein Haargummi aus diesem Telefonkabelmaterial, einen Noppenball oder dieses Spielzeug, das sich auch zum Fingertraining eignet. In weniger stressigen Momenten habe ich das ganz gut im Griff und versuche unauffällig zu sein. Eine mündliche Prüfung wird aber stressig und ich befürchte, dass ich das Stimming nicht mehr ganz so gut unter Kontrolle haben werde.

Alles in allem werde ich bei der mündlichen Prüfung also nicht verstecken können, dass bei mir eine Behinderung vorliegt und ich alternative Methoden brauche. Ich mein, die Dozenten wissen ja sowieso schon von dem Nachteilsausgleich und das bei mir Probleme vorliegen, also eine große Überraschung wird das unter diesen Umständen wohl kaum sein. Wobei ich bisher nur mit einer einzigen Dozentin gesprochen habe; also ich werde mit ihr gemeinsam im Mai erstmal schauen, ob und wie eine mündliche Prüfung für mich in Frage kommt.

Heute Mittag habe ich erst mit der Dozentin gesprochen. Sie war auf jeden Fall sehr lieb und sagte, dass ich mir keinen Stress machen soll und wir zur Not immer noch auf eine schriftliche Klausur übergehen können. Natürlich mache ich mir trotzdem Stress. Leider bin ich einfach so, denn ich kann die Gedanken und Überlegungen nicht ausstellen. Leider hat die Dozentin heute auch einige Dinge gesagt, deren Formulierung ich nicht so toll fand; allerdings kann ich ihr kaum einen Vorwurf machen, da sie die genaue Diagnose nicht weiß. Ich vermute derzeit, dass sie es für Prüfungsangst hält oder eine Art von Sozialphobie vermutet. Gerade das lässt mich aber wieder vermehrt über ein Outing nachdenken; vielleicht auch, damit ich die "richtige" Hilfe erhalte.

Es sind einfach viele Gedanken und Überlegungen. Letzt endlich werde ich selbst eine Entscheidung treffen müssen, aber diese Entscheidung ist gar nicht so einfach.

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