Freitag, 21. April 2017

Mobbing

Mobbing ist aus meiner Sicht ein sehr sensibles und heikles Thema. An sich würde ich sagen, dass ich meine Vergangenheit dahingehend verarbeitet habe. Trotzdem löst allein das Wort in mir sehr viele negative Gefühle aus. Und für mich ist es einfach Tatsache, dass die Folgen des Mobbings für Jahre und Jahrzehnte bleiben (können). Vor kurzem sagte ich einem Menschen, dass ich in meiner Vergangenheit gemobbt wurde und bekam daraufhin eine seltsame Antwort. Sie lautete: "Ach, im Grunde genommen wurde jeder Mensch irgendwann in seinem Leben gemobbt". Vermutlich entspricht das nahezu der Wahrheit, aber dieser Satz machte auf mich den Eindruck, als wäre Mobbing nur halb so schlimm und kein großes Problem. Ich sehe das anders, denn aus meiner Sicht ist Mobbing kein Kavaliersdelikt. Es klingt vielleicht überspitzt, nahezu übertrieben, aber ich wäre als Jugendliche fast am Mobbing gestorben.

Dabei spielte Mobbing bereits eine Rolle in meinem Leben, als ich noch nicht einmal in der Lage gewesen wäre, dieses Wort überhaupt zu schreiben. Im Kindergarten hörte ich erwachsene Menschen sagen: "Wenn dich jemand ärgert oder hänselt, dann ignorier die Person einfach. Nichts wird die Person mehr verärgern als deine Ignoranz und dein Schweigen". Viele Jahre später verstand ich, dass die Kindergärtner damit vermutlich nur Gewaltausbrüche verhindern wollten; in mir setzte sich diese Aussage allerdings fest. Ich dachte damals, dass das ein weiser und guter Ratschlag von den Erwachsenen sei. Und ich hielt mich an diese Regel.

Im ersten Schuljahr der Grundschule machte ich dann meine ersten Erfahrungen mit Mobbing. Ich wurde von zwei Mitschülern verfolgt, geschubst und getreten. Das Mädchen kam morgens auf dem Schulhof häufiger zu mir und versprach, dass sie meine beste Freundin sein und mich beschützen würde. Ich glaubte ihr ehrlich gesagt immer wieder und wieder. Dabei fand ich einfach keinen Zusammenhang zwischen den Situationen. Nach Schulschluss liefen wir dann gemeinsam auf dem Gehweg. Ich glaubte, dass sie nun endlich meine Freundin sei und vertraute ihr. Doch ehrlich gesagt wurde ich jedes Mal enttäuscht. Sie packte mich immer irgendwann am Arm und rief nach ihrem Kumpel. Der tauchte auf einmal hinter uns auf, hielt mich nun gleichfalls fest und schubste mich in Dornengebüsche oder trat nach mir. Auf diese Weise lernte ich zu rennen. Sobald sie mich auch nur für einen Moment losließen, rannte ich den restlichen Weg bis zum Kinderhort ohne Pause.

Ich versuchte die Situation zu ignorieren und schwieg, aber das machte die Angelegenheit nicht besser. Es wurde meinen zwei Mitschüler auch nie langweilig mich zu verfolgen. Ich glaubte dem Mädchen wieder und wieder, wenn sie versprach, dass sie fortan meine beste Freundin sein würde. Damals fand ich keinen Zusammenhang zwischen den Situationen. Ich erkannte ihre Lügen nicht, sondern glaubte ihren Worten. Wochenlang sagte ich niemandem ein Wort. Die Schikanen hörten schlagartig auf, als das Mädchen von der Schule genommen wurde. Ich hatte eine Weile meine Ruhe, aber irgendwann verfolgte mich der Junge erneut. Dann begann er Sachen aus meiner Schultasche zu stehlen. Abends fragte mich meine Mutter, wo mein Hausaufgabenheft sei und ich erzählte, dass der Junge es gestohlen hatte. Meine Mutter widerrum rief sofort meine Grundschullehrerin an, so dass der Junge fortan nach dem Unterricht noch fünfzehn Minuten im Klassenzimmer verbleiben musste und ich in Ruhe verschwinden konnte.

Nach der Grundschule wechselte ich auf eine weiterführende Schule. Mein Leben wurde hier sehr chaotisch, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Zumindest meine Mitschüler ließen mich in Ruhe; einmal wurde ich sogar zu einen Geburtstag eingeladen. Als ich im sechsten Schuljahr war, zogen meine Eltern und ich jedoch in die Nachbarstadt und somit wechselte ich erneut die Schule. Hier war ich also mittem im Schuljahr die "Neue". Eine Mitschülerin konnte mich vom ersten Tag an nicht leiden, so dass die Schikanen nach kürzester Zeit bereits begannen. Sie lief in den kurzen Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten häufig an meinem Tisch vorbei, rümpfte die Nase und schrie dann quer durch den Klassenraum: "Ihhh! Hier stinkt es! Das ist ja ekelhaft!" Ich versuchte wirklich sie zu ignorieren und hoffte, dass es ihr langweilig und sie mit den Sprüchen aufhören würde. Stattdessen überlegte sie sich immer neue Gehässigkeiten. Nach einer Weile nannten mich alle in der Klasse nur noch "Stille Quelle" und lachte über mein Schweigen.

Irgendwann bemerkten meine Eltern, dass meine Stimmung sich veränderte. Erneut brach ich das Schweigen und erzählte ihnen von dem tagtäglichen Mobbing. Ich hatte damals zwei Klassenlehrer, die gemeinsam mit dem Direktor über die Vorfällte unterrichtet wurden. Und dann stand meine Klassenlehrerin eines Tages vorne an der Tafel und beteiligte sich am Mobbing. Sie malte Kreise auf die Tafel. Auf die linke Seite der Tafel malte sie viele kleine Kreise und sagte: "Das hier ist die gesamte Klasse". Auf die rechte Seite der Tafel malte sie einen mittelgroßen Kreis und meinte daraufhin: "Das hier ist Sarinijha". Ich zitterte auf einmal am ganzen Körper. Sie fuhr mit ihrer Geschichte fort: "Sarinijha sagt, dass die gesamte Klasse etwas gegen sie hat. Das ist jedoch eine Lüge! In Wahrheit steht Sarinijha hier ganz alleine und hat etwas gegen die Klasse, also gegen Euch alle. Und dieses Verhalten ist einfach nur asozial!" Ich wollte aus dem Klassenzimmer fliehen, aber stattdessen saß ich steif und bewegungsunfähig auf meinem Stuhl.

Ich schwieg wie an jedem anderen Tag, doch als meine Klassenlehrerin diese Worte aussprach, da glaubte ich eine einzige Sache begriffen zu haben: Ich war Schuld. Ich war Schuld, ich hatte das Mobbing verdient,  ich war ein falscher Mensch. Diese Erkenntnis 'brannte' sich in meinen Kopf. Wenn selbst eine Lehrerin das Wort gegen mich richtete, dann konnten all die Gemeinheiten und Schikanen gegen mich nur gerechtfertigt sein. Ich war vierzehn Jahre alt, als ich eine schwere Depression aufgrund von Mobbing entwickelte. Und daraus entstand mein Selbsthass und folglich auch meine Selbstverletzung. Vielleicht war es unter diesen Umständen gar nicht mehr verwunderlich, dass ich die Diagnose Borderline Persönlichkeitsstörung erhielt, aber die Angelegenheit war weitaus komplizierter. Als Autistin mit selektivem und teilweise totalem Mutismus geriet ich in eine Spirale aus Mobbing, die in mir viele chaotische Gefühle auslöste. Ich wurde aufgrund des Mobbings krank.

Seitdem sind Jahre vergangen, aber ich zehre noch heute an den Folgen. Den Selbsthass und die Selbstverletzung habe ich lange hinter mir gelassen, aber die Narben bleiben. Noch heute mache ich mir sehr, sehr viele Gedanken und Sorgen. Mir fehlt noch immer oft das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Es ist ein sehr langsamer Prozess sie zurück zu erhalten. Mobbing ist kein Kavaliersdelikt. Es hätte mich fast mein Leben gekostet. Deswegen ist es mir wichtig, dass Mobbing ernst genommen wird. Nicht die Opfer tragen die Schuld. Nicht die Opfer müssen sich verändern.

Und trotzdem möchte ich noch mit einer kleinen Anekdote abschließen, um diesen Blogeintrag positiv zu verlassen. Es geht um mein studentisches Praktikum im letzten Jahr. Ich hatte zwar einige Kollegen, aber "in meinem Bereich" gab es vor allem eine einzige Kollegin, mit der ich sehr oft gemeinsame Arbeiten ausführen musste. Schon nach kürzester Zeit habe ich erfahren, dass diese Frau einem gerne ins Gesicht lächelt und Lob ausspricht, zu anderen Kollegen dann aber genau das Gegenteil erzählt und lästert. Eines Tages gab sie mir einen Arbeitsauftrag. Sie war nicht zufrieden mit mir, obwohl ich die Aufgabe gut gelöst hatte; nur halt auf meine Art und Weise. Sie meckerte auf einmal los: "Ich hatte doch genau das Gegenteil gesagt, aber scheinbar hörst du einfach nicht zu". Ich wurde in dem Moment richtig wütend. Die Tage zuvor hatte ich einige Male geschwiegen, aber auf einmal hatte ich wirklich genug von ihren blöden Aussagen und meinte: "Was ist dein Prolem? Der Arbeitsauftrag ist erledigt, oder? Wenn du es anders haben möchtest, dann musst du es beim nächsten Mal halt genauer erklären". Ohje! Innerlich machte ich mich auf alles gefasst. Aber auf einmal wurde sie richtig 'kleinlaut': "Oh, nein, nein. Du warst gar nicht gemeint. Ich ärgere mich über das Regal hier". Ihre Aussage ergab überhaupt keinen Sinn, aber sie hatte scheinbar nicht mit Widerworten gerechnet und suchte nach Ausflüchten. Für mich war das eine Genugtuung.

1 Kommentar:

  1. "Viele Jahre später verstand ich, dass die Kindergärtner damit vermutlich nur Gewaltausbrüche verhindern wollten"
    Volltreffer! Der Rat des Ignorieren hat in der Regel nur einen Zweck: Das Problem auf das Opfer abzuwälzen. Funktionieren tut es nie. Wenn man nicht gerade Ghandi ist, ist es menschlich unmöglich das zu ignorieren, was Kinder sich so aushecken können. Unter Männern funktioniert in der Regel die "show of force"-Strategie ganz gut. Sprich den Täter einfach mal auf die Fresse hauen. Setzt natürlich voraus, dass man körperlich nicht hoffnungslos unterlegen ist. Was unter Frauen klappen könnte, kann ich nicht beurteilen. War nie in der Situation.

    Einige Dinge, die unter Mobbing laufen erfüllen Straftatbestände. Wenn die Schule nicht willens ist, etwas zu machen (was sie selten ist), lohnt es sich zur Polizei zu gehen. Selbst wenn diese nicht ausreichend Beweise für strafbares Verhalten finden, setzt dies die Schulleitung weiter unter Druck.

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